Geschichte des Friedhofs

Friedhof Wittenauer Heilstätten

 

Im Jahre 1880 eröffnete die Irrenanstalt der Stadt Berlin zu Dalldorf.

Zur gärtnerischen Gesamtanlage gehörte auch ein Begräbnisplatz am südwestlichen Ende des Grundstücks. Als Anstaltsfriedhof wurde er formlos mit der ersten Beerdigung eingeweiht.

Der Friedhof ist als Waldfriedhof angelegt. Das dreieckige Grundstück ist durch den Hauptweg, welcher sich um das gesamte Areal zieht und abzweigende Nebenwege gegliedert. Diese führten ursprünglich auf ein Rondell in der Mitte des Friedhofes.

Die heute noch erkennbaren Brunnen deuten die Abzweigungen der Nebenwege an.

Hier angeordnete Reihengräber der Patienten standen den Wahlgräbern auf der anderen Seite des Hauptweges gegenüber. Auch Pflegekräfte und Ärzte konnten sich auf dem Anstaltsfriedhof bestatten lassen. Das klassizistisch anmutende Grabmal von Direktor Dr. Kortum und seiner Familie, war noch bis in die 90-er Jahre zu sehen.

Der Friedhof war mit einer roten Backsteinmauer umschlossen, deren Pfeiler durch eingelassene Kreuze verziert waren. An der äußersten Ecke rundete sich die Mauer ähnlich einem Pavillon, von den Berlinern „kleine Neugierde“ genannt.

Die Bestattungen nahmen in der Leichenhalle, die als Friedhofskapelle gestaltet war, ihren Ausgang. Eine lange Baumallee führte auf das Eisengittertor zu, von dem bis heute die Verankerung zu erkennen ist.

Die seelsorgerliche Betreuung der Heilstätten lag seit Beginn beim Pfarramt Dalldorf. Zu den Amtshandlungen zählten auch Beerdigungen. Für die Jahre 1934 und 1935 verzeichnet das Kirchenbuch  nur drei Bestattungen. Sprunghaft steigt dann die Zahl an.

Zwischen 1933-1945 starben in den Wittenauer Heilstätten 4.607 Patienten (laut Sterberegister der Wittenauer Heilstätten).

 

In der Nachkriegszeit wurde der Friedhof noch bis 1958 belegt.  Patientenverwaltungsakten dokumentieren, dass Angehörigen die Grabpflege oblag.

Besonders in den ersten Nachkriegsjahren suchten Familien nach den Umständen des Todes ihrer Angehörigen und verlangten Auskunft nach deren Grablagen. Über die Beerdigung waren sie häufig nicht informiert worden.

 

Während der 30-jährigen Ruhezeit bis zur Aufhebung 1988 pflegte die Klinik das Gelände. Zeitzeugen erinnern sich, dass Gruppen jugendlicher Patienten, angeleitet von Betreuern, diese Arbeiten ausführten. Der ärztliche Direktor ab 1957, Dr. Rudolf Klaue, war NSDAP - Mitglied und begann seinen Werdegang am Kaiser Wilhelm - Institut für Hirnforschung in Buch. In seine Amtszeit fällt die Umbenennung in Karl-Bonhoeffer-Heilstätten und die Schließung des Friedhofs.

Mit Ausnahme der in den Endkämpfen gefallenen Soldaten, die unter das Gräbergesetz gestellt worden waren, fanden die weiteren Opfer keine Würdigung.

Die Chronik „100 Jahre Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik“ schreibt daher: „hier auf diesem Friedhof befinden sich naturgemäß besonders anrührende Spuren der Vergangenheit. 70 Jahre lang wurden hier Patienten beigesetzt, die ohne Angehörige verstorben waren oder deren Angehörige keinen besonderen Bestattungsplatz gewählt hatten. Der Anblick der Grabsteine, die uns von verwehten Schicksalen künden und der vielen Gräber, die nicht gekennzeichnet sind, lassen sicher den Betrachter nachdenklicher zurück gehen, als er gekommen war.“

Die allgemein gehaltene Beschreibung argumentiert weiterhin mit dem Auswahlkriterium des T-4-Meldebogens, der Patienten mit wenig Kontakt zu Angehörigen bevorzugt selektierte.

 

Im Jahr 1995 wurde dann der Friedhof aufgehoben und die Grabsteine entfernt. Die 39 Kriegsgräber wurden auf die Kriegsgräberstätte Freiheitsweg verlegt.

In seinem heutigen Zustand hat der Friedhof keinen Denkmalwert und besitzt durch die Neubauten der 60- er Jahre auf den ehemaligen Rieselfeldern auch keinen Zusammenhang mehr mit der denkmalgeschützten Gesamtanlage.

Das Friedhofsbuch, welches Angehörige noch in den 80-er Jahren einsehen konnten, bleibt verschwunden. So ist heute nicht mehr nachzuvollziehen, wo die Toten der NS-Zeit begraben liegen.